Studentische Kulturarbeit in Hohenheim und die Thomas Müntzer Scheuer


Studentische Kulturarbeit in Hohenheim und die Thomas Münzer Scheuer1974 stellten das Kultur- und das Sozialreferat des AStA nach einer Umfrage fest, dass es an der Uni Hohenheim an einem Kommunikationszentrum für Studentlnnen fehlt. Bis dahin gab es nur einmal in der Woche das Gilb's Inn, eine regelmäßige stattfindende Disco (total überfüllt) in einem Wohnheimkeller. So setzten sich die Studierenden, zusammen mit dem Sozialwerk, für einen soziokulturellen Treffpunkt an der Uni ein.
Eines Tages erfuhren die Studierenden, dass die Oberfinanzdirektion (OFD) Stuttgart für teures Geld an der Uni einen Keller ausbauen lässt. Die Studentlnnen forderten, den Keller regelmäßig mitbenutzen zu dürfen, Es wurde ihnen nicht genehmigt Lediglich zum Dies academicus', einem von der Universität ausgerichteten Fest, war dieser Keller den Studierenden zugänglich. Mittlerweile ist er nur noch für die Festivitäten der Professorenschaft reserviert.
Da der Of D-Keller für eine studentische Kulturarbeit ausfiel, forderten die Studierenden ein eigenes Kommunikationszentrum. Entgegen ursprünglicher Aussagen war nach dem Ausbau des Kellers noch Geld vorhanden und so sah sich die 0fD und das Land gezwungen den studentischen Forderungen nachzugeben. Die Verwaltung machte sich daran eine Öhmdscheune, die bis dahin als Abstellraum gedient hatte, auszubauen. Aus dem ursprünglichen geplanten zweistöckigen Gebäude wurde schließlich ein großer einstöckiger Raum (170 qm) mit Eingangshalle. Der Grundstein wurde 1975 gelegt und am 27.05.1976 (dem Todestag Thomas Münzers) eröffnete man die Thomas Münzer Scheuer. Als Ehrengäste waren u.a. der Künstler HAP Grieshaber und die Schriftstellerin Margarete Hannsmann geladen. HAP Grieshaber stiftete zu diesem Anlass zum ersten Mal den Jerg Ratgeb Preis' zur Förderung kritischer Künstlerlnnen, gleichzeitig legte er den Grundstock für die künstlichere Ausgestaltung der TMS mit einer Spende verschiedener Werke, darunter das erste Exemplar der Vier Fäuste' zum Gedenken an Jerg Ratgeb.
Doch schon ein Jahr zuvor war es zu einer ersten Blüte studentischer Kultur in Hohenheim gekommen. Zum 450. Jahrestag des Bauernkrieges, der ersten deutschen Revolution, fand an der landwirtschaftlichen Hochschule die Hohenheimer Bauernkriegswoche statt. Sie war eine Antwort auf die Staufferausstellung der Filbingerregierung und jene offiziellen Geschichtsdarstellungen, die die Geschichte aus Sicht der Herrschenden interpretieren. Die Studierendenvertreterlnnen versuchten anhand einer Ausstellung und einer Aufführung des Landestheaters Tübingen die Ereignisse aus der Sicht der Bauern darzustellen.
Dieses Bemühen fand auch Ausdruck in der Kulturzeitung Bundschuh', die aus der Initiative des Demokratischen Kulturbundes Ortsgruppe Stuttgart und des ASTA Uni Hohenheim entstand. Namhafte Künstlerlnnen unterstützten diese Initiative und sandten Grußbotschaften oder redeten selbst bei der Eröffnung der Thomas Münzer Scheuer (TMS).

Die Hohenheimer Bauernkriegswoche wurde zur Tradition im Stuttgarter Raum und besonders auf den Fildern ein fester Begriff. Der Name änderte sich jedoch im Laufe der Zeit in Hohenheimer Sommer'. So fand jährlich eine große Theateraufführung im Freien statt, eine Hocketse zu der die Bevölkerung des Filderraumes bei Bier und Blasmusik eingeladen war, um auch mal in den Elfenbeinturm- Universität reinzuschauen. Zusätzlich gab es noch ein Frauenfest, das jedes Jahr von der Frauengruppe gestaltet wurde. Höhepunkt war das Sommerfest, welches im Freien stattfand und wo fast alle Studierenden erschienen.
Mit dem Bestehen der TMS begann allerdings auch die Auseinandersetzung um deren Selbstverwaltung. Eine zwischen ASTA und Studentenwerk ausgehandelte Nutzungsordnung wurde vorn Studentenwerk nicht unterschrieben. 1976 erließ dann das Kultusministerium einen Richtlinienentwurf für die Nutzung von Einrichtungen des Studentenwerks. Den Charakter dieser Richtlinie zeigen folgende Ausschnitte:
.Der Geschäftsführer des Studentenwerkes sorgt im Rahmen seines Hausrechts... für die zweckentsprechende Nutzung der Einrichtung"
.Für politische Veranstaltungen dürfen Räume nur überlassen werden, wenn die Veranstaltungen hochschulbezogen sind...'
Dieser Richtlinienentwurf war noch landesweiten Streiks an den Universitäten wieder vom Tisch.
Noch Abschaffung der Verfassten Studierendenschaft und der Einführung von Regelstudienzeiten ab 1977 wurde es für die Studierenden zunehmende schwieriger, sich außerhalb des Studiums und der Vorlesung kontinuierlich zu engagieren. Der Bundschuh stellte sein Erscheinen ein. Der Jerg Ratgeb Preis ist heute fast niemandem mehr bekannt. Immer wieder versuchte das Studentenwerk einen Einfluss auf die Vergabe der TMS und damit auf die studentischen Veranstaltungen zu nehmen. Die Auseinandersetzungen eskalierten in einer Zwangsräumung der TMS durch die Polizei und durch Strafanzeigen gegen Studierende. HAP Grieshaber und Margarete Hannsmann stellten Drucke bzw. Gedichte zur Verfügung, die zu einem Solidaritätspreis verkauft wurden, um anstehende Prozesskosten zu finanzieren. Theodor Kempkes, Jerg Ratgeb Preisträger stiftete 500 Drucke seinen Bildes Joß Fritz kämpft für den Bundschuh'.
Das Studentenwerk besitzt bis heute einen Mietvertrag mit dem Liegenschaftsamt über die TMS, zu dem noch eine Benutzungsordnung gehört. Danach dürfen nur Getränke des Studentenwerkes verkauft werden. Als die Studierenden 1982 eine erste alternative Cafeteria in der TMS organisierten, wurde die TMS kurzerhand geschlossen.

Mit der Abschaffung der Verfassten Studierendenschaft wurde zur Verwaltung der "studentischen Belange", also der Gelder, ein Staatskommissar eingesetzt, der direkt dem Präsidenten untersteht. Er bestimmt über die Gelder aus der Titelgruppe 88, die die Uni von der Landesregierung bekommt und die für die (geistigen) musischen und sportlichen Belange der Studierenden verwendet werden sollen. Die bisher eigenständige und kreative Kulturarbeit musste unter diesen Bedingungen leiden.
Ab dieser Zeit musste sich die Kulturarbeit immer mehr auf eine reine Reproduktion von Kultur beschränken. Eine kontinuierliche Kulturarbeit war und ist nicht möglich, weil sich ein/e Studentin höchstens ein oder zwei Semester einer Tätigkeit außerhalb des Studiums widmen kann und konnte.
Trotz aller Einschränkungen durch die Abschaffung der Verfassten Studierendenschaft und Anfeindungen durch die Universität war die studentische Kultur in Hohenheim nicht Kleinzukriegen:
Die Hohenheimer Theatergruppe, die aus der ehemals vorhandenen Brecht-Gruppe" hervorgegangen ist, führt jedes Jahr ein Stück auf. AStA-Film- und AStA-Kulturgruppe bieten kontinuierlich jedes Semester ein Programm an.
Seit Januar 1989 existiert wider allen Erwarten die Cafete in der TMS. Endlich konnte die arrogante Selbstdarstellung des Studentenwerks:"...die Scheuer ist während der Vorlesungszeit von 9.00Uhr bis 24.00 Uhr geöffnet..." ad absurdum geführt werden. Wenn in den letzten Jahren die TMS geöffnet war, so geschah dies nur aufgrund studentischen Engagements: von
Studierenden für Studierende!
Die drei K's der TMS Kommunikation Kultur - Kaffee sind feste Bestandteile des Hohenheimer Studienalltags. Sei es der mittägliche Kaffee aus fairem Handel, die Dienstagabend Veranstaltungen der AStA-Kulturgruppe, die TMS am Donnerstag, die Veranstaltungen der Fachschaften und Arbeitskreise oder die AStA-Sommer- und Winterfeste.
Die Thomas Münzer Scheuer ist und bleibt ein von Studierenden erkämpftes Kommunikationszentrum. Den Studierenden wird aber weiterhin ein Mitspracherecht an Verwaltung und Gestaltung verweigert.
Trotz Euroforum bleibt die Thomas Münzer Scheuer das Zentrum studentischer Aktivität in Hohenheim!